Am 27. März 2009 ver­starb Pema Norbu Rin­po­che, ein Dhar­ma­kö­nig der Nyingma-Schule. Obwohl ich über die Voll­en­dung und Befrei­ung des Dhar­ma­kö­nigs erfreut bin, bedauere ich es, dass der Bud­dhis­mus in die­sem irdi­schen Bereich eine Per­son von gro­ßer Tugend und tief­grün­di­gem Wis­sen ver­lo­ren hat, die tadel­los die Tugend­re­geln beach­tete. Des­halb flehe ich den Dhar­ma­kö­nig an, bald in den mensch­li­chen Daseins­be­reich zurück­zu­keh­ren, um wie­der das Rad des Dhar­mas zu dre­hen und Lebe­we­sen zu ret­ten. Wäh­rend ich sehe, wie diese Men­schen von gro­ßer Tugend uns ver­las­sen, kom­men viele Gefühle in mei­nem Her­zen hoch. Schaut man zurück auf all die Ver­än­de­run­gen, die sich wäh­rend der Geschichte der Ver­brei­tung des Bud­dhis­mus auf der Erde ereig­net haben, habe ich das tiefe Emp­fin­den, dass die kar­mi­sche Ver­bin­dung, die die Lebe­we­sen mit den hei­li­gen Dharma-Lehren der Tatha­ga­tas haben, Tag für Tag schwä­cher wird. Beson­ders des­we­gen schreibe ich die­sen Essay mit dem Titel „Der duale Cha­rak­ter bud­dhis­ti­scher Theo­rien“, um die Men­schen die­ser Welt aufzuwecken.

Als Bud­dha Shakya­muni erst­mals bud­dhis­ti­sche Theo­rien ein­führte, gab es kei­nen dua­len Cha­rak­ter der Theo­rien. Es gab nur die Gleich­heit zwi­schen Theo­rien und der Natur (der Essenz von Allem). Die Theo­rien im Tri­pitaka, die vom welt­ver­ehr­ten Bud­dha Shakya­muni dar­ge­legt wur­den, ent­stam­men dem Zustand der Ver­wirk­li­chung des Bud­dhas. Sie sind eine Art Dar­le­gung der Wege, den hei­li­gen Zustand zu ver­wirk­li­chen und Befrei­ung und Nir­vana zu erlan­gen. Sie kön­nen objek­tive Auf­zeich­nun­gen genannt wer­den. Sol­che bud­dhis­ti­schen Theo­rien wur­den aus ech­ter hei­li­ger Ver­wirk­li­chung gebo­ren. Sie sind keine gegen­stands­lo­sen Auf­zeich­nun­gen, die auf Annah­men gegrün­det sind und der Ebene des Bewusst­seins ent­spran­gen. Dies ist in den bud­dhis­ti­schen Schrif­ten aufgezeichnet.

Am Anfang waren die bud­dhis­ti­schen Theo­rien und der Buddha-Dharma ein inte­gra­ler Kör­per. Zuerst wurde ein voll­stän­di­ger Kör­per aus Dharma-Theorien und Ritua­len aus der wah­ren Ver­wirk­li­chung von hei­li­gen Buddha-Dharma-Zuständen gebo­ren. Spä­ter erlang­ten Men­schen den hei­li­gen Zustand der wah­ren Ver­wirk­li­chung durch die­sen voll­stän­di­gen Kör­per von Dharma-Theorien und Ritua­len. Theo­rie und Dharma waren in Ein­klang. Theo­rie wurde ver­wen­det, um den Dharma wei­ter­zu­brin­gen. Der Dharma wurde mani­fes­tiert, um die Theo­rie zu fördern.

Doch als die kar­mi­sche Ver­bin­dung sich änderte, die die Lebe­we­sen mit dem Dharma hat­ten und als ein gro­ßer Teil des Dhar­mas und der Rituale ver­lo­ren gin­gen, ent­wi­ckelte die Sel­big­keit von bud­dhis­ti­scher Theo­rie und Natur (Essenz) unmerk­lich und all­mäh­lich einen dua­len Cha­rak­ter. Ein Aspekt war die voll­stän­dige Erhal­tung der Theo­rie und hei­li­gen Ver­wirk­li­chung, wobei jede das Beste in der ande­ren her­aus­brachte. Der andere Aspekt war die reine Theo­rie, die aus der grund­le­gen­den Tren­nung vom hei­li­gen Zustand der Ver­wirk­li­chung auf­kam. Das Auf­kom­men die­ses dua­len Cha­rak­ters bud­dhis­ti­scher Theo­rien bewirkte, objek­tiv gese­hen, dass der Bud­dhis­mus zwei Haupt­schu­len aus­bil­dete. Unab­hän­gig davon, wel­che Schule oder Tra­di­tion es inner­halb des Bud­dhis­mus sein mag — ob es Maha­yana, Hina­yana, exo­te­ri­scher oder eso­te­ri­scher Bud­dhis­mus ist — alle Schu­len oder Tra­di­tio­nen gehö­ren letzt­end­lich zu einer die­ser bei­den Haupt­schu­len. Die erste ist die „Schule der Theo­rien und der ech­ten hei­li­gen Ver­wirk­li­chung“. Die zweite ist die „Schule der Theo­rien, Ansich­ten und des Ver­ste­hens“. Selbst­ver­ständ­lich sind die Theo­rien, auf die ich mich hier beziehe bud­dhis­ti­sche Theo­rien, die auf kor­rek­tem Ver­ständ­nis und kor­rek­ten Ansich­ten beru­hen. Ich bringe keine dritte Kate­go­rie von Miss­ver­ständ­nis­sen und anders­gläu­bi­gen Ansich­ten her­auf, die gegen die Sutra-Lehren gehen.

Die „Schule der Theo­rien und der ech­ten hei­li­gen Ver­wirk­li­chung“ ist in Überein­stim­mung mit den Sutras und dem Abhi­d­harma. Die­je­ni­gen die­ser Schule wen­den Erkennt­nisse an, die auf kor­rek­ten Ansich­ten beru­hen, um Kul­ti­vie­rung, die Natur des Geis­tes und die abso­lute Rea­li­tät in direk­ter Weise zu ver­ste­hen. Sie ver­wirk­li­chen Hei­lig­keit, die Intel­li­genz und Theo­rie tran­szen­diert. Außer­dem mani­fes­tie­ren sie ihre tat­säch­li­che Ver­wirk­li­chung und bewei­sen, dass sie das höchste Nir­vana erreicht haben. Diese Schule ver­wen­det die ortho­do­xen Theo­rien, die im Tri­pitaka ent­hal­ten sind, und die eso­te­ri­schen Schrif­ten als Grund­lage. Jedoch ist deren Ziel nicht das nutz­lose Spre­chen über Theo­rien. Die­je­ni­gen die­ser Schule müs­sen ihren hei­li­gen Zustand der Ver­wirk­li­chung offen­ba­ren. Das Ziel der Kul­ti­vie­rung und Pra­xis die­ser Schule ist es, die Fes­seln von Sam­sara, sowohl im Kör­per, als auch im Geist, wirk­lich zu tran­szen­die­ren. Diese Schule hat eine ganz­heit­li­che Über­tra­gungs­li­nie, ganz­heit­li­che Leh­ren und ganz­heit­li­che Rituale. Die­je­ni­gen die­ser Schule sind in der Lage, über­na­tür­li­che Weis­heits­kräfte zu offen­ba­ren, die sowohl die mate­ri­el­len, als auch die men­ta­len Berei­che tran­szen­die­ren. Es ist eine Schule, die wahr­haft mit dem Wesen des Tri­pitaka, den eso­te­ri­schen Schrif­ten und den diver­sen Kom­men­ta­ren und Abhand­lun­gen überein­stimmt. Dies ist die Schule des voll­kom­me­nen Buddha-Dharmas, wo Theo­rie und Natur (Essenz) überein­stim­men. Dies war die ursprüng­li­che Eigen­schaft bud­dhis­ti­scher Theo­rie. Sol­cher Buddha-Dharma spielte eine ent­schei­dende Rolle bei der Befrei­ung und Voll­en­dung von Lebe­we­sen. In die­sem Buddha-Dharma ist ent­hal­ten der Buddha-Dharma von Bud­dha Shakya­muni wäh­rend des Zeit­al­ters des Wah­ren Dhar­mas, der Buddha-Dharma über­tra­gen von Guru Pad­ma­sambhava, der Buddha-Dharma über­tra­gen vom Ehr­wür­di­gen Ati­sha, Meis­ter Marpa, Meis­ter Mila­repa, Meis­ter Tsong­khapa, Meis­ter Nairat­mya, Meis­ter Rigd­zin Jigme Lingpa, Bodhi­d­harma, Xuan Zang, Hui Neng, Meis­ter Xu Yun und der Buddha-Dharma der von ande­ren wahr­haft hei­li­gen Wesen und Patri­ar­chen im Lauf der Geschichte über­tra­gen wurde. Die­ser gesamte Buddha-Dharma ist der Buddha-Dharma der „Schule der Theo­rien und der ech­ten hei­li­gen Ver­wirk­li­chung“. Bedau­er­li­cher­weise ist diese Schule gegen­wär­tig auf der Erde sehr rar und sel­ten gese­hen. Die „Schule der Theo­rien, Ansich­ten und des Ver­ste­hens“ hat deren Platz ein­ge­nom­men und ist zum Main­stream geworden.

Die „Schule der Theo­rien und der ech­ten hei­li­gen Ver­wirk­li­chung“ ver­wen­det eben­falls die ortho­do­xen Theo­rien, die im Tri­pitaka und den eso­te­ri­schen Schrif­ten ent­hal­ten sind als deren Grund­lage. Die­je­ni­gen die­ser Schule wen­den Erkennt­nisse an, die auf kor­rek­ten Ansich­ten beru­hen, um sich der Natur des Geis­tes anzu­nä­hern und diese in direk­ter Weise zu ver­ste­hen, in der Hoff­nung, dass sie am Ende Nir­vana ver­wirk­li­chen wer­den. Der Buddha-Dharma die­ser Schule kann nur Theo­rien und das, was aus Denk­vor­gän­gen her­vor­geht aus­drü­cken. Jene die­ser Schule ver­fü­gen über keine tat­säch­li­che hei­lige Ver­wirk­li­chung, die sie zei­gen könn­ten. Folg­lich kön­nen sie nur die Ver­wirk­li­chungs­zu­stände und Errun­gen­schaf­ten der Patri­ar­chen aus frü­he­ren Gene­ra­tio­nen als typi­sche Bei­spiele ver­wen­den. Der meiste Buddha-Dharma der Gegen­wart gehört zu die­ser Schule. Dies ist ein vor­herr­schen­des Phä­no­men im gegen­wär­ti­gen Buddhismus.

Jedoch müs­sen wir ein­se­hen, dass obwohl die Theo­rien die­ser Schule auch auf kor­rek­tem Ver­ständ­nis und kor­rek­ten Ansich­ten beru­hen, es sehr schwie­rig ist für diese Schule, voll­stän­dige Befrei­ung her­vor­zu­brin­gen. Es ist leicht für diese Schule in sinn­lose, intel­lek­tu­elle Ober­fläch­lich­kei­ten zu ver­fal­len. Es bleibt trotz­dem frag­lich, ob jene die­ser Schule die Befrei­ung des höchs­ten Nir­wa­nas wirk­lich erlan­gen kön­nen. Das ist so, weil es äußerst schwie­rig ist, Men­schen ledig­lich durch Stüt­zen auf Theo­rien zum Zustand eines hei­li­gen Wesens zu füh­ren. Dazu kommt, dass diese Theo­rien von ver­schie­de­nen Men­schen aus­ge­drückt wur­den und des­halb vari­ie­ren. Zum Bei­spiel sind die Sicht­wei­sen, wie sie in den Prajna-Schriften aus­ge­drückt wur­den und die Schrif­ten der Mitt­le­ren Schule (Madhy­amaka) nicht die­sel­ben. Die Sicht­weise der “Ande­ren Leer­heit” hat ihren eige­nen Weg, die Dinge zu erklären.

Ich werde die moder­nen Begriffe „Soft­ware“ und „Hard­ware“ ver­wen­den, um eine Ana­lo­gie zu geben. Wel­che die­ser bei­den Schu­len der Theo­rien ist prak­tisch die Soft­ware, die die posi­ti­ven Ergeb­nisse der Hard­ware erzie­len kann? Es ist sehr schwie­rig das zu bestim­men, indem man sich nur auf die Soft­ware selbst stützt. Nur wenn die posi­ti­ven Ergeb­nisse der Hard­ware wirk­lich erzeugt wur­den, kann gezeigt wer­den, ob eine bestimmte Theo­rie (Soft­ware) rich­tig oder falsch ist. Außer­dem sollte das, was der Dharma des Buddha-Dharmas genannt wird, Dharma sein, der das Gewöhn­li­che tran­szen­diert und zur Befrei­ung führt. Theo­rien alleine kön­nen diese Auße­r­all­täg­lich­keit nicht ausdrücken.

Die­ses Phä­no­men der Suche nach Befrei­ung allein durch Theo­rien und Ansich­ten ist haupt­säch­lich das Ergeb­nis des Ver­lusts vie­ler Dharma-Lehren und Rituale im Laufe der Über­lie­fe­rung des Buddha-Dharmas. Im Falle des tibetisch-esoterischen Dhar­mas gab es seit der Anfangs­phase bis jetzt nicht viele Ände­run­gen im theo­re­ti­schen Teil des eso­te­ri­schen Dhar­mas. Die größte Ände­rung ergab sich im Teil der ech­ten Ver­wirk­li­chung. Als die Patri­ar­chen des tibetisch-esoterischen Bud­dhis­mus Dharma in der Ver­gan­gen­heit über­lie­fer­ten, gab es unzäh­lige Mani­fes­tie­run­gen von über­na­tür­li­chen Ver­wirk­li­chungs­kräf­ten. Diese erstaun­li­chen über­na­tür­li­chen Ver­wirk­li­chungs­kräfte bewirk­ten, dass die Men­schen die­ser Welt den tibetisch-esoterischen Dharma als hei­lig und beson­ders schätz­ten. Guru Pad­ma­sambhava und der Ehr­wür­dige Ati­sha zeig­ten sehr viele über­na­tür­li­che Kräfte. Meis­ter Marpa prak­ti­zierte einen Dharma wodurch er Tiere zurück ins Leben holte, die bereits tot waren. Patri­arch Mila­repa flog in die Luft und trat in das Horn eines Bul­len ein, um Hagel aus­zu­wei­chen. Guwen Rin­po­che flog in die Luft und nahm seine ganze Fami­lie mit, ein­schließ­lich des Zelts und der Haus­tiere. Beide der vier­ten Dodrup­chen Dhar­ma­kö­nige zeig­ten wun­der­samste Ver­wirk­li­chungs­kräfte und so wei­ter und so fort. Man kann zahl­lose Bei­spiele sol­cher hei­li­gen Ver­wirk­li­chungs­kräfte geben.

Die ursprüng­li­che beson­dere Eigen­schaft des Buddha-Dharmas war, dass er von der „Schule der Theo­rien und ech­ten hei­li­gen Ver­wirk­li­chung“ war, der tat­säch­li­che Ver­wirk­li­chungs­kräfte mani­fes­tierte. Mit der Ankunft im Zeit­al­ter des Dharma-Niedergangs sind viele Dhar­mas jedoch nicht mehr voll­stän­dig. Deren Aus­übung wird keine Ver­wirk­li­chungs­kräfte her­vor­brin­gen. Viel Buddha-Dharma, beson­ders der eso­te­ri­sche Dharma, hat begon­nen in Rich­tung der „Schule der Theo­rien, Ansich­ten und des Ver­ste­hens“ über­zu­ge­hen. Neh­men wir als Bei­spiel den far­bi­gen Sand, der dazu ver­wen­det wird, ein Man­dala wäh­rend einer inner­t­an­tri­schen Initia­tion in der hei­li­gen Form zu bil­den. Wäh­rend der Zeit Guru Pad­mas­an­bha­vas erfor­derte diese inner­t­an­tri­sche Initia­tion, dass einige Dinge gemacht wur­den. Auf der Ober­flä­che eines gro­ßen fla­chen Steins würde far­bi­ger Sand ver­wen­det wer­den, um die Form eines Man­da­las oder einer Vajra-Keimsilbe zu gestal­ten. Eine Per­son würde dann hei­lige Ver­wirk­li­chungs­kräfte anwen­den, die bewir­ken wür­den, dass die Gestal­tung auf der Ober­flä­che des Steins den Stein durch­dringt und die­selbe Gestal­tung auf dem Sand der Mandala-Tafel unter­halb des gro­ßen fla­chen Steins formt. Diese Sand-Gestaltung auf der Mandala-Tafel würde dadurch zu Vajra-Sand wer­den, der durch den Stein hin­durch ginge.

Jedoch gibt es gegen­wär­tig kei­nen ganz­heit­li­chen Dharma. Men­schen kön­nen keine hei­li­gen Ver­wirk­li­chungs­kräfte durch die Aus­übung von Dharma erzeu­gen. Des­halb kön­nen inner­t­an­tri­sche Initia­tio­nen in der hei­li­gen Form nicht durch­ge­führt wer­den. Beim oben beschrie­bene Vor­gang, far­bi­gen Sand zu ver­wen­den, um ein Man­dala zu gestal­ten, ist man dazu über­ge­gan­gen den far­bi­gen Sand direkt auf die Mandala-Tafel zu rie­seln, um ein Man­dala zu gestal­ten. Von daher gibt es nicht die geringste Mani­fes­tie­rung von hei­li­gen Kräften.

Ein ande­res Bei­spiel sind Vajra-Pillen, die in inner­t­an­tri­schen Initia­tio­nen ver­wen­det wer­den. Vor sech­zig oder sieb­zig Jah­ren, konn­ten die meis­ten Men­schen von ech­ter und hei­li­ger Tugend Vajra-Pillen zum Leben erwe­cken, indem sie sie tele­ki­ne­tisch zum Zit­tern brach­ten oder umher beweg­ten. Im heu­ti­gen tibetisch-esoterischen Dharma ist eine Vajra-Pille nichts wei­ter, als eine medi­zi­ni­sche Pille, die ein sym­bo­li­scher Aus­druck des Dhar­mas ist.

Ein ande­res Bei­spiel sind „Secret-Division“-Initiationen in Bezug auf die Göt­ter des Reich­tums. Dies ist eine Dharma-Quelle des inner­t­an­tri­schen Dhar­mas im hei­li­gen Sinn. Der Prak­ti­zie­rende, der so eine Initia­tion erhält, wird an Ort und Stelle im Man­dala einen hei­li­gen Zustand erzeu­gen. Dar­über hin­aus wird ein Gold­schatz oder eine schatz­spei­ende Man­guste, die aus drei wei­ßen Sachen und gerös­te­ten Gers­ten­mehl her­ge­stellt wurde, sich her­um­wäl­zen und vor dem Prak­ti­zie­ren­den in die Luft sprin­gen und dadurch einen hei­li­gen phy­si­schen Zustand demons­trie­ren, der nicht durch Men­schen erzeugt wurde. Der Prak­ti­zie­rende, der die Initia­tion erhält, wird an Ort und Stelle einen „Dharma-Mutter-Samen“ ein­neh­men. Durch diese Dharma-Ausübung wird der Gott des Reich­tums natur­ge­mäß her­ab­stei­gen und dadurch den Zustand der Ver­voll­komm­nung (Com­ple­tion Stage) voll­en­den. Diese Art von Dharma ist jedoch ver­lo­ren gegangen.

Es sind nicht nur diese weni­gen Dhar­mas. Die meis­ten inner­t­an­tri­schen Dhar­mas sind bereits ver­kom­men. Voll­en­dete, die den Regen­bo­gen­kör­per erlangt haben, kön­nen im Grunde nicht gefun­den wer­den, selbst im Klos­ter Kathok nicht, dass das Klos­ter von Pad­ma­sambhava war und der Ort, an dem mehr Men­schen den Regen­bo­gen­kör­per erlangt haben, als sonst irgendwo. In neue­rer Zeit ver­wan­deln viele Dhar­ma­kö­nige sich nicht in einen Regen­bo­gen und flie­gen zum Zeit­punkt ihres Todes nicht weg. Es gibt heute viele Men­schen, die bei jeder Gele­gen­heit ihre Hand– oder Fuß­ab­drü­cke auf Stei­nen hin­ter­las­sen, um ihre Ver­wirk­li­chungs­kräfte zu zei­gen. Doch sol­che Ver­wirk­li­chungs­kräfte wur­den nicht unter der Beob­ach­tung von Meis­tern und Zeu­gen offen­bart, die zu jener Zeit anwe­send waren. Wel­che Glaub­wür­dig­keit besit­zen sie?

In einem Inter­view sprach der berühmte Rin­po­che Kasuo vom Klos­ter Longwu der Geluk-Schule über die beson­de­ren gesell­schaft­li­chen Umstände, die wäh­rend den fünf­zi­ger und sech­zi­ger Jahre in Tibet vor­herrsch­ten. In Folge die­ser Umstände wurde eine große Anzahl von Sutras, Abhand­lun­gen und Dharma-Anleitungen ver­brannt. Viele Men­schen von gro­ßer Tugend waren nicht in der Lage Dharma ganz­heit­lich wei­ter­zu­ge­ben, bevor sie ster­ben muss­ten. Jene Men­schen von gro­ßer Tugend, die nach Indien flo­hen, nah­men nicht viele Dharma-Anleitungen mit sich mit. Dar­auf­hin blie­ben höchs­tens noch zwan­zig oder drei­ßig Pro­zent des tibetisch-esoterischen Dhar­mas in der Welt. Die meis­ten die­ser Dhar­mas sind für immer verloren.

Es ist die­ser Art von Dharma-Verlust zuzu­schrei­ben, dass der meiste heu­tige Buddha-Dharma keine Men­schen her­vor­bringt, die tat­säch­li­che Ver­wirk­li­chungs­kräfte zei­gen kön­nen. Offen gesagt ver­ste­hen Men­schen den Dharma nicht und ver­lie­ren sich über lange Zeit in lee­ren Theo­rien. Viele Leute miss­ver­ste­hen den Buddha-Dharma als etwas ein­fach zu Ver­ste­hen­des, dass in sei­ner Natur theo­re­tisch oder geis­tig ist. Selbst­ver­ständ­lich sind sie am Thema der Ver­wirk­li­chungs­kräfte nicht inter­es­siert oder emp­fin­den es selbst als äußerst nor­mal, diese nicht zu besit­zen. Diese Art zu den­ken ist in der Tat sehr falsch. Theo­rien kön­nen ver­wen­det wer­den, um Hei­lige von gewöhn­li­chen Men­schen zu unter­schei­den. Jedoch ist der wich­tigste Weg der, die Authen­ti­schen von den Fal­schen zu unter­schei­den, sie tat­säch­lich hei­lige Ver­wirk­li­chungs­kräfte offen­ba­ren zu sehen.

Neh­men wir als Bei­spiel die Leer­heit. Jeder Prak­ti­zie­rende mit ein wenig Wis­sen, kann viel über die Theo­rien bezüg­lich der Leer­heit sagen. Sind diese wohl aus­ge­stal­te­ten und beein­dru­cken­den Theo­rien, Ver­ständ­nisse und Sicht­wei­sen am Ende jedoch rich­tig oder falsch? Dies ist etwas, das durch Ver­ständ­nis und Ansich­ten nicht bestimmt wer­den kann. Dies ist eben­falls etwas, das durch keine bewusste Erfah­rung, die aus Ursa­chen und Bedin­gun­gen ent­stan­den ist, bestimmt wer­den kann. Nur wenn jemand in Leer­heit und wah­rer So-heit ver­weilt und über­na­tür­li­che Weis­heits­kräfte erzeugt, kann man wirk­lich ver­ste­hen, ob ein Ver­ständ­nis oder eine Ansicht rich­tig oder falsch ist.

Es gab eine Zeit, in der Ananda die Hei­lig­keit noch nicht ver­wirk­licht hatte. Die Arhats schlos­sen ihn aus der Halle aus, in der sie die Sutras zusam­men­stell­ten. Nach­dem er die wahre So-heit rea­li­siert hatte, kehrte er zurück zur Halle und stand außer­halb vor ihrer Tür, als der Ehr­wür­dige Maha­k­asyapa ihn auf­for­derte, die Tür durch das Schlüs­sel­loch zu betre­ten, um zu bewei­sen, dass er erleuch­tet ist. Ananda betrat die Halle dann durch das Schlüs­sel­loch. Jene, die die Leer­heit ver­wirk­licht haben und den Kno­ten gelöst haben, müs­sen über­na­tür­li­che Kräfte besit­zen, die sie befä­hi­gen eine andere Dimen­sion zu betre­ten, die durch gewöhn­li­che mensch­li­che Fähig­kei­ten nicht zu errei­chen ist. Außer­dem müs­sen sie diese „Software-Fähigkeit“ in der Form von tat­säch­li­chen und außer­ge­wöhn­li­chen Kräf­ten besit­zen. Nur dann kön­nen sie bewei­sen, ob eine gege­bene „Software-Theorie“ kor­rekt und prak­ti­ka­bel ist.

Dem­nach besteht der Unter­schied in die­sem Fall zwi­schen der „Schule der Theo­rien, Ansich­ten und des Ver­ste­hens“ und der „Schule der Theo­rien und der ech­ten hei­li­gen Ver­wirk­li­chung“ darin, dass die ers­tere beim theo­re­ti­schen Ver­ste­hen auf­hört. Ob Leute der „Schule der Theo­rien, Ansich­ten und des Ver­ste­hens“ tat­säch­lich den hei­li­gen Zustand ver­wirk­li­chen und in ihn ein­tre­ten, bleibt unge­wiss. Es ist nicht so, dass die Men­schen die­ser Schule sich sicher füh­len und des­halb keine hei­li­gen Kräfte offen­ba­ren. Viel­mehr offen­ba­ren sie keine hei­li­gen, aus der Erleuch­tung erzeug­ten Kräfte, weil der unvoll­stän­dige Dharma die­ser Schule deren Anhän­ger nicht befä­higt sol­che Kräfte durch ihre Pra­xis zu ver­wirk­li­chen. Die „Schule der Theo­rien und der ech­ten hei­li­gen Ver­wirk­li­chung“ ver­brei­tet eben­falls kor­rekte Dharma-Theorien. Jedoch hört sie defi­ni­tiv weder beim rei­nen Ver­ste­hen, beim schnel­len, schar­fen und schnei­den­den Schlag­ab­tausch über den Dharma auf, noch ver­fängt sie sich in Theo­rien über das Ver­ste­hen der Leer­heit. Viel­mehr ver­wirk­li­chen die Men­schen die­ser Schule, indem sie ganz­heit­li­chem Dharma und Ritua­len fol­gen, wahr­haf­tig die Essenz der Natur der So-heit, tran­szen­die­ren die Stufe des Bewusst­seins, lösen den Kno­ten des Lei­dens, erlan­gen Hei­lig­keit sowie die dar­aus resul­tie­rende struk­tu­relle Ver­än­de­rung von Kör­per und Geist und errei­chen tat­säch­lich die Dimen­sion der Hei­lig­keit, die jen­seits des Kreis­laufs der Wie­der­ge­bur­ten ist.

Obwohl die „Schule der Theo­rien, Ansich­ten und des Ver­ste­hens“ und die „Schule der Theo­rien und der ech­ten hei­li­gen Ver­wirk­li­chung“ basie­rend auf den ortho­do­xen bud­dhis­ti­schen Theo­rien nach Nir­wana stre­ben, gibt es trotz alle­dem auf­grund des Dhar­mas die­ser bei­den Schu­len große Unter­schiede bezüg­lich der Zeit, die benö­tigt wird, um Errun­gen­schaf­ten zu erlan­gen und dem Grad der Errun­gen­schaf­ten. Weil die „Schule der Theo­rien, Ansich­ten und des Ver­ste­hens“ auf rei­nes theo­re­ti­sches Ver­ständ­nis und Prü­fung beschränkt ist, ist es außer­dem oft sehr schwie­rig für deren Anhän­ger die Dinge von einem rei­nen, befrei­ten Zustand der Hei­lig­keit aus zu betrach­ten und die ursprüng­li­che Bedeu­tung eini­ger über­welt­li­cher (anders-weltlicher) Dhar­mas zu ver­ste­hen. Dies führt sie leicht dazu, fal­sche Ansich­ten und Ver­ständ­nisse anzu­neh­men. Wenn sie unacht­sam sind, kön­nen sie selbst in häre­ti­sche Ansich­ten verfallen.

In die­sem Zeit­al­ter des Dharma-Niedergangs ist es sehr sel­ten gewor­den, dass man in der Lage ist den ganz­heit­li­chen Dharma der „Schule der Theo­rien und der ech­ten hei­li­gen Ver­wirk­li­chung“ zu ler­nen. Hinzu kommt, dass diese Schule nicht etwas Fixes ist. Viel­mehr ist es etwas, das sich ent­fal­tet. Es ist wie mit den Buddha-Dharmas, die ich oben erwähnt habe. Als die Patri­ar­chen Buddha-Dharma über­tru­gen, waren sie immer noch Teil der „Schule der Theo­rien und der ech­ten hei­li­gen Ver­wirk­li­chung“, in der Theo­rie und Natur (Essenz) Eins waren. Zu der Zeit gab es zahl­lose Mani­fes­tie­run­gen von ech­ten Ver­wirk­li­chungs­zu­stän­den. Die Mandala-Dharma-Regeln waren streng und exakt. Es gab eine sys­te­ma­ti­sche Unter­schei­dung zwi­schen dem, was inner­t­an­trisch, äußer­t­an­trisch und inner­t­an­trisch in der hei­li­gen Form war. Jedoch gin­gen Dhar­mas schritt­weise ver­lo­ren. Dhar­mas, die an spä­tere Gene­ra­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben wur­den, sind zu lee­ren Theo­rien der „Schule der Theo­rien, Ansich­ten und des Ver­ste­hens“ geworden.

Viele Men­schen von gro­ßer Hei­lig­keit und Tugend den­ken, dass auf­grund des Ver­lus­tes des Buddha-Dharmas der „Schule der Theo­rien und der ech­ten hei­li­gen Ver­wirk­li­chung“ nur etwa ein oder zwei Pro­zent des Bud­dhis­mus in der heu­ti­gen Welt aus­ma­chen im Ver­gleich zur „Schule der Theo­rien, Ansich­ten und des Ver­ste­hens“. Soge­nannte „außer­or­dent­lich Tugend­hafte“ inner­halb des Bud­dhis­mus, die häre­ti­sche Sicht­wei­sen und Ver­ständ­nis haben, tau­chen über­all auf. Es ist bedau­er­lich diese Ent­wick­lung im heu­ti­gen Bud­dhis­mus zu sehen.

Lazhen

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