Die Grüne Tara gilt im Buddhismus als „Mutter aller Buddhas“. Nicht, weil sie die Buddhas geboren hätte, sondern weil sie jene Weisheit verkörpert, aus der Erleuchtung hervorgeht. Wer Ihr begegnet, begegnet der aktiven Seite des Mitgefühls.
Die Bedeutung Ihrer Erscheinung
Wenn wir uns der Grünen Tara zuwenden, begegnen wir keiner externen Gottheit, die wir bloß verehren, um Wünsche zu erfüllen. Wir begegnen einer essenziellen Qualität unseres eigenen Geistes.
Im Buddhismus entsteht Erleuchtung aus der Vereinigung von Mitgefühl und Weisheit. Tara ist diese gebärende Weisheit. Doch sie ruht nicht in stiller Versenkung. Sie ist das Prinzip des aktiven Eingreifens. Während andere Aspekte des Dharma für meditative Stille stehen, ist Tara der Wind der Veränderung. Sie ist der Moment, in dem Mitgefühl zur Tat wird.
Dieses Prinzip ist nicht abstrakt geblieben. Die traditionelle Darstellung der Tara übersetzt es in eine präzise Lehre ohne Worte. Jedes Detail Ihrer Form kommuniziert eine Facette erwachter Geisteshaltung. Wer Sie betrachtet, erhält eine direkte Unterweisung:

Der Buddha über Ihrem Haupt
Über dem Scheitel der Grünen Tara sitzt Buddha Amitabha, der Buddha des grenzenlosen Lichts. Er ist die Quelle, aus der Taras erleuchtete Aktivität hervorgeht. Seine Position über Ihrem Haupt zeigt: Alles, was Tara tut, entspringt grenzenloser Weisheit und grenzenlosem Mitgefühl.
Das Element des Windes
Anders als die Weiße Tara, die für Frieden steht, leuchtet die Grüne Tara in der Farbe Grün, der Farbe des Wind-Elements. Wind bedeutet Bewegung. Dies zeigt uns: Wahres Mitgefühl ist nicht passiv. Tara zögert nicht; sie ist die sofortige Antwort auf das Rufen der Wesen.
Die Haltung der Bereitschaft
Tara sitzt nicht im geschlossenen Lotussitz tiefer Meditation. Ihr rechtes Bein ist nach vorne ausgestreckt. Diese Haltung wird Lalitasana genannt, „königliche Anmut“, und vereint, was wie ein Widerspruch erscheint: friedvolle Versenkung und die sofortige Bereitschaft, den Wesen zu Hilfe zu eilen.
Die Transformation der acht Ängste
In den klassischen Überlieferungen wird Tara angerufen, um vor den „acht großen Gefahren“ zu schützen: Löwen, Elefanten, Feuer, Schlangen, Räubern, Gefangenschaft, Wasserfluten und Dämonen.
Für den modernen Praktizierenden sind diese Gefahren Spiegelbilder innerer psychologischer Zustände, die im Buddhismus auch die „inneren Gifte“ genannt werden. Die Praxis der Tara dient dazu, diese blockierenden Geisteszustände zu erkennen und in Weisheit zu verwandeln:
Der Löwe ist der Stolz,
der uns isoliert.
Der Elefant ist die Unwissenheit,
die uns abstumpfen lässt.
Das Feuer ist der Zorn,
der unsere Verdienste verbrennt.
Die Schlange ist der Neid,
der unser Herz vergiftet.
Die Räuber sind falsche Ansichten,
die uns den Fortschritt stehlen.
Die Ketten sind der Geiz,
der uns fesselt.
Die Flut ist die Begierde,
die uns mitreißt.
Der Dämon ist der Zweifel,
der uns den Weg verlieren lässt.
Tara wirkt dort, wo unsere gewohnten Strategien an ihre Grenzen stoßen. Sie ist nicht eine Kraft, sondern einundzwanzig. Jede Ihrer Manifestationen antwortet auf ein spezifisches Hindernis mit einer bestimmten Methode.
