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Die Lehre existierte in einer reinen Sphäre. Mahasiddhas brachten sie in die menschliche Welt. Doch wie genau wurde aus einer visionären Erfahrung eine Praxis, die heute Millionen Menschen ausüben? Die Antwort führt durch verschiedene Kulturen und mehr als tausend Jahre Geschichte.

Die indischen Wurzeln

Die Verschriftlichung

Grüne Tara, 8. Jh., Indien

Im 7. Jahrhundert entstand in Nordindien das Sarvatathagatamatr-tara-visvakarma-bhava-nama-tantra. Ein monumentaler Text, der Taras kosmische Stellung erklärt und rituelle Anleitungen für Mandalas, Initiationen und Darbringungen liefert.

Innerhalb dieses Tantras findet sich ein Kapitel, das später eigenständige Bedeutung erlangen sollte: die 21 Lobpreisungen der Tara. Jede Lobpreisung ruft eine spezifische Manifestation Taras und eine bestimmte Qualität an.

Die großen Universitäten Indiens bewahrten diese Texte. Doch die Praxis blieb zunächst auf gelehrte Kreise beschränkt. Die Texte waren da. Doch wie sollte man sie praktizieren?

Die erste Vision: Der Mahasiddha Suryagupta

Im 7. oder 8. Jahrhundert lebte in Kaschmir ein Gelehrter namens Suryagupta, der die buddhistischen Schriften studiert und tantrische Praktiken ausgeübt hatte. Dann erkrankte er unheilbar an Lepra.

Tara, 10.-12. Jh., Kaschmir oder Nepal

Unweit eines Klosters stand eine Tara-Statue, von der man sagte, sie könne heilen. Suryagupta zog sich in eine kleine Hütte in ihrer Nähe zurück und betete drei Monate lang ununterbrochen zu ihr. Am Ende dieser Zeit öffnete sich das Tempeltor von selbst, und Tara erschien ihm in einer Vision. Die Lepra verschwand von seinem Körper, bis auf eine kleine Wunde, die auf seiner Stirn zurückblieb.

Als er nach dem Grund für diese verbleibende Wunde fragte, erklärte ihm Tara eine karmische Wahrheit: In einem früheren Leben sei er Jäger gewesen, habe Tiere getötet und einen ganzen Wald verbrannt. Für dieses Karma habe er fünfhundert Leben in den Höllen durchlitten. Die Wunde auf seiner Stirn sei die letzte Manifestation dieses nun erschöpften Karmas.

Im Anschluss an diese Heilung übertrug Tara ihm ein vollständiges System der 21 Taras mit Sadhanas, Mantras und Visualisierungen. Dieses System unterschied sich grundlegend von allem, was später nach Tibet gelangen sollte. Suryagupta lehrte es seinem direkten Schüler Sarvajnamitra. Die Praxis blieb zunächst in Kaschmir. Es sollte Jahrhunderte dauern, bis sie Tibet erreichte.

Atisha Dipamkara Shrijnana

Drei Jahrhunderte später nahm die Geschichte eine andere Wendung. Im Jahr 982 wurde im Königreich Bengalen ein Prinz geboren: Chandragarbha, „Mondessenz“. Schon als Kind hatte er Visionen der Grünen Tara. Mit elf Jahren erreichte er das Alter, in dem Prinzen üblicherweise heirateten. Tara erschien ihm erneut und zeigte ihm klar: Eine Heirat würde ihn in weltliche Verstrickungen führen, die sein spirituelles Potenzial gefährden könnten.

Der indische Mönch Atisha, 16. Jh., Tibet

Der junge Prinz folgte diesem Ruf und verließ den Palast, um Mönch zu werden. Unter seinem ordinierten Namen Atisha Dipamkara Shrijnana („Lampe der Erleuchtung“) wurde er zum herausragenden Gelehrten seiner Zeit. In Vikramashila, der bedeutendsten buddhistischen Universität Indiens, galt er als unverzichtbar für die Verteidigung des Dharma.

Zur gleichen Zeit rang der tibetische König Yeshe Ö um die Wiederherstellung des Buddhismus in seinem Land. Nach dem Zusammenbruch des tibetischen Reiches war der Dharma fast ausgelöscht worden. Übersetzer, die Yeshe Ö nach Indien sandte, kamen mit einer klaren Botschaft zurück: Nur Atisha könnte Tibet helfen. Doch die indischen Äbte würden ihn niemals ziehen lassen.

Der König versuchte, ihn mit Gold zu gewinnen. Die Äbte lehnten ab. In einem letzten Versuch sammelte Yeshe Ö selbst Goldstaub im rauen Norden Tibets. Dabei wurde er gefangen genommen. Sein Großneffe Jangchub Ö sammelte das geforderte Lösegeld, doch Yeshe Ö wies ihn an: „Schickt das Gold nicht für mich. Bringt Atisha nach Tibet.“ Kurz darauf starb er in Gefangenschaft.

Als die tibetische Delegation 1040 mit diesem Gold in Vikramashila eintraf, war Atisha 58 Jahre alt. Wieder erschien ihm Tara:

„Wenn du nach Tibet gehst, wirst du nur noch zwölf Jahre leben. Aber du wirst unzähligen Wesen den Weg zur Befreiung zeigen.“

Atisha traf seine Entscheidung.

Zwei Wege nach Tibet

1042 erreichte Atisha Tibet. Die verbleibenden zwölf Jahre seines Lebens widmete er der Lehre. Seine Tara-Praxis wurde zur Grundlage der Kadam-Schule und verbreitete sich von dort über das gesamte Hochland.

Manuskriptdeckelpaar, 11.-12. Jh., Nepal

Das komplexe System Suryaguptas erreichte Tibet auf zwei verschiedenen Wegen. Der erste führte über Mal Lotsawa Lodro Drakpa, der im 11. Jahrhundert nach Nepal und Indien reiste und spezifische Tara-Zyklen mitbrachte. Seine Übersetzungen fassten besonders in der Sakya-Tradition Fuß.

Der zweite Weg kam erst zwei Jahrhunderte später, erzwungen durch eine Katastrophe: Im Jahr 1193 zerstörten muslimische Armeen die buddhistische Klosteruniversitäten wie Vikramashila und Nalanda. Der letzte Abt, Shakya Shri Bhadra, floh mit den wertvollsten Manuskripten nach Tibet und kam 1204 an. Darunter befanden sich die Sanskrit-Texte Suryaguptas. Sein Übersetzer Tropu Lotsawa Jampa Pal schuf die Übersetzungen, die zur Quelle für die Kagyü- und Jonang-Schulen wurden.

So erreichten beide Systeme Tibet und überleben bis heute in verschiedenen Schulen. Beide hatten unterschiedliche Antworten auf dasselbe grundlegende Problem: Wie visualisiert man die 21 Taras konkret? Die Lobpreisungen geben poetische Beschreibungen, aber keine visuellen Anleitungen. Welche Haltung nehmen sie ein? Wie viele Arme haben sie? Welche Symbole halten sie?

Suryagupta und Atisha entwickelten ihre Systeme in Indien. Doch in Tibet entstand noch eine dritte ikonografische Tradition.

Die drei ikonografischen Systeme der 21 Taras

Das Suryagupta-System: Maximale Vielfalt

Dieses System, benannt nach dem geheilten Mahasiddha aus Kashmir, ist ikonografisch das reichhaltigste. Hier besitzt jede der 21 Taras eine völlig individuelle Erscheinung. Die Vielfalt ist radikal: Jede Tara hat ihre eigene Anatomie, von einem bis zu drei Gesichtern, von zwei bis zwölf Armen. Manche sitzen, manche tanzen, manche reiten auf einem mythischen Tier. Keine gleicht der anderen.

Tara Thangka, 18. Jh., Östliches Tibet

Das Thangka zeigt Samaya Tara, die zwar nicht Teil der Suryagupta-Tradition ist, aber sehr gut veranschaulicht, wie individuell solche tantrischen Tara-Formen gestaltet sind: Jede Hand trägt ein eigenes rituelles Attribut mit präziser Bedeutung, etwa Dharmachakra, flammendes Schwert, Pfeil und Bogen oder Schädelschale.

Die Komplexität hat ihren Preis: Traditionell erfordert dieses System 21 separate Ermächtigungen, eine für jede der 21 Manifestationen. Hinzu kommt die Wurzel-Initiation der Grünen Tara selbst, die als Quelle aller 21 gilt. Jede dieser Taras ist eine eigenständige Yidam-Praxis mit spezifischem Mantra und Mudra. Vollständige Übertragungen dieses Zyklus sind selten.

Drei tibetische Traditionen bewahren dieses System: Die Sakya-Schule als Teil ihrer höchsten Lehrzyklen, die Gelug-Schule in einzelnen Meisterlinien, und die Jonang-Tradition, deren Meister Taranatha (1575-1634) die vollständigste Sammlung zusammentrug. Vollständige Übertragungen sind in allen drei Schulen selten.

Das Atisha-System: Standardisierte Einheit

21 Taras nach Atisha von digitalthangka.com

Atisha ging den entgegengesetzten Weg: radikale Vereinfachung statt maximaler Vielfalt. Alle 21 Taras sind Variationen der Grünen Tara: Ein Gesicht, zwei Arme, Lalitasana-Haltung (königliche Muße, rechtes Bein ausgestreckt). Die Unterscheidung erfolgt ausschließlich durch Körperfarbe und die Farbe der Vase in der rechten Hand.

Diese Farben folgen der tantrischen Systematik der „Vier Aktivitäten“: Weiß für befriedende Aktivität (Reinigung von Krankheit, Negativität), Gelb für vermehrende Aktivität (Wachstum von Verdienst, Weisheit, Leben), Rot für magnetisierende Aktivität (Anziehung günstiger Umstände), Blau/Schwarz für kraftvolle Aktivität (Zerstörung von Hindernissen).

Der entscheidende Vorteil: Eine einzige Ermächtigung genügt für alle 21 Taras. Dies machte das System zugänglicher und trug zu seiner enormen Popularität bei. Die Praxis konzentriert sich auf das gemeinsame Mantra und die 21 Lobpreisungen.

Zwei große tibetische Schulen machten dieses System zu ihrem Standard: In der Gelug-Schule ist das Atisha-System seit Tsongkhapa (1357-1419) der Standard. Spätere Meister wie Pabongka Rinpoche machten die Cittamani-Tara-Praxis populär und verbreiteten sie weltweit.

In der Karma Kagyü-Schule gilt Tara als Beschützerin der gesamten Linie. Der Karmapa selbst wird als Emanation Avalokiteshvaras verstanden, womit sich der Kreis zu Taras Ursprung schließt.

Die Nyingma-Terma-Systeme: Symbolische Differenzierung

Die Nyingma-Schule praktiziert Tara primär durch Termas, verborgene Schatztexte, die hauptsächlich von Padmasambhava im 8. Jahrhundert verborgen und jahrhundertelang später wiederentdeckt wurden. Die beiden bekanntesten Tara-Termas stammen von Jigme Lingpa (1730-1798) mit dem Longchen Nyingtik und Chokgyur Lingpa (1829-1870) mit dem Zabtik Drolchok.

Tara Loter Yangchenma (Vajra Sarasvati)
Der Spiegel als spezifisches Symbol auf dem Lotus der 2. Tara, „Weiße Tara“

Auf den ersten Blick ähneln diese Taras dem Atisha-System: Ein Gesicht, zwei Arme, Lalitasana-Haltung. Doch der entscheidende Unterschied liegt in den Händen. Anstatt Vasen halten die Taras spezifische rituelle Gegenstände direkt auf dem Lotus in ihrer linken Hand: Vajras, flammende Schwerter, Dharma-Räder, endlose Knoten, Phurbas, Vishvavajras. Diese Attribute sind keine Dekoration. Sie symbolisieren die spezifische Funktion jeder Tara im Kontext der Dzogchen-Praxis.

Zwei Meister formten dieses System. Jigme Lingpa brach mit der Atisha-Tradition der Vasen und führte die symbolischen Embleme ein. Fast ein Jahrhundert später lieferte Chokgyur Dechen Lingpa mit dem Zabtik Drolchok die praktische Umsetzung. Da Longchen Nyingtik keine ausführliche Tara-Sadhana enthält, wurde Zabtik Drolchok zur Standard-Praxis für diese Linie.

Die Verschmelzung geschah organisch: Jamyang Khyentse Wangpo (1820-1892), als Reinkarnation Jigme Lingpas geltend, war zugleich Mentor von Chokgyur Lingpa. Gemeinsam mit Jamgön Kongtrul verbanden sie beide Zyklen zu einer einheitlichen Praxis. Wie bei Atisha genügt eine Ermächtigung für den gesamten Zyklus.

Heute ist Zabtik Drolchok das am weitesten verbreitete Tara-Terma der Neuzeit. Durch Chokgyur Lingpas enge Verbindung zu den Karmapas wurde es auch in der Karma Kagyü-Schule zur Standard-Praxis.

Doch Tibet war nicht der einzige Weg. Parallel zu den Übertragungen ins Hochland erreichte das Tara-Tantra auch China, wo es eine völlig andere Form annahm.

Der chinesische Strom: Die Zhenyan-Tradition

Als das Tara-Tantra China erreichte, wurde es Teil der Zhenyan-Schule (真言宗, „Schule der Wahren Worte“), der chinesischen tantrischen Tradition während der Tang-Dynastie (618-907). Hier entstand eine eigene Art der Praxis: Tara wurde vor allem als Teil eines großen rituellen Netzwerks verstanden, in dem sie neben anderen Weisheitswesenheiten als Beschützerin und verwandelnde Kraft wirkte.

Drei Meister, eine Bewegung

Amoghavajra, 14. Jh.

Im 8. Jahrhundert brachten drei indische Meister das Tara-Tantra nach China. Shubhakarasimha (716 am Kaiserhof) legte das Fundament, indem er Tara als Teil des kosmischen Mandala des Buddha Vairocana darstellte. Vajrabodhi gab dem femininen Prinzip einen gleichwertigen Platz im Pantheon.

Der einflussreichste war Amoghavajra (705-774). Als Lehrer dreier Kaiser und Übersetzer von über hundert tantrischen Werken formte er die chinesische Tara-Praxis grundlegend: kürzer als die tibetischen Varianten, rituell fokussierter, mit Schwerpunkt auf Mantra-Rezitation und Schutzritualen. Er verstand es, indische Formen an die konfuzianische Kultur anzupassen, ohne ihren Kern zu verändern.

Nach Amoghavajras Tod begann jedoch der Niedergang der Zhenyan-Tradition als Institution.

Das Überleben im Verborgenen

Die Huichang-Verfolgung (845) traf den Buddhismus hart. Mit dem Ende der Tang-Dynastie (907) verschwand die Zhenyan-Schule als organisierte Institution. Doch die Praktiken starben nicht aus.

Sie überlebten auf drei Wegen: Chan-Klöster und Reines-Land-Gemeinschaften übernahmen Tara-Mantras, auch ohne das vollständige tantrische System. In der Volksfrömmigkeit verschmolz Tara mit Guanyin und in vielen Tempeln standen beide Figuren Seite an Seite. Und einzelne Meister bewahrten die vollständigen Übertragungen im Verborgenen, weitergegeben in kleinen Zirkeln, von Lehrer zu Schüler.

Im 20. Jahrhundert machten sich chinesische Meister daran, die verlorenen Linien wiederzufinden. Manche reisten nach Japan, wo die Shingon-Schule in direkter Nachfolge der Zhenyan-Tradition deren Lehren bewahrt hatte. Andere gingen nach Tibet, um Übertragungen direkt zurückzuholen. Die Tara-Praxis wurde als lebendiger Teil der chinesischen esoterischen Tradition wiedererkannt.

Von der Geschichte zur Erfahrung

Von Indien über Tibet bis China: Es gab nie nur einen Weg zu Tara. Jede Schule bewahrte, was sie empfing, und gab weiter, was sie verstand. Manche Linien blühten in großen Klöstern, andere überlebten in kleinen Zirkeln. Alle führen zu derselben Quelle. Auch die Praxis des Xuanfa Dharmazentrums steht in dieser lebendigen Überlieferung. Was das konkret bedeutet und wie die Praxis aussieht, zeigt der nächste Schritt. Weiterlesen: Die Praxis der Grünen Tara ➔
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