Zum Inhalt springen Zur Fußzeile springen

Die Grüne Tara erscheint in 21 Formen, jede mit ihrer eigenen Kraft. Doch wo kommt diese Praxis her, und wie gelangte sie zu uns? Die Antwort führt durch drei Ebenen der Wirklichkeit.

Die Ebenen der Wahrheit

Thangka der Grünen Tara, Zentraltibet, 13. Jh.

Wer nach dem „Ursprung“ der Tara fragt, erwartet meist eine historische Antwort: ein Datum, einen Ort, vielleicht einen Namen. Die buddhistischen Überlieferungen geben jedoch eine komplexere Auskunft. Sie sprechen nicht von einem einzigen Ursprung, sondern von drei Ebenen, auf denen Tara existiert und verstanden werden kann.

Die ultimative Ebene: Auf der Ebene der absoluten Wirklichkeit jenseits von Zeit und Raum ist Tara nicht entstanden. Sie ist, solange es Leiden gibt. Sie ist die spontane Antwort des Mitgefühls auf das Rufen der Wesen. Deshalb heißt sie „Mutter aller Buddhas“: Sie ist die Weisheit selbst, aus der Erleuchtung entspringt. Hier gibt es keine Geschichte, keinen Anfang. Tara ist ein Prinzip, das mit der Natur des Erwachens selbst identisch ist.

Doch es gibt auch Ebenen, auf denen Anfänge erzählt werden können:

Die Bodhisattva-Ebene führt uns zu Avalokiteshvara, dem Bodhisattva des grenzenlosen Mitgefühls, und zu einer Träne, die zur Tara wurde.

Die Manifestations-Ebene führt uns zu einer Prinzessin namens Yeshe Dawa (Weisheitsmond), die ein Gelübde ablegte, das die spirituelle Landschaft für immer veränderte.

Diese beiden Geschichten werden wir nun betrachten.

Zwei Ursprünge, eine Essenz

Die Träne des Avalokiteshvara

Avalokiteshvara flankiert von zwei Taras, Tibet, 13. Jh.

Die erste Erzählung führt uns auf die Bodhisattva-Ebene, jene Dimension des grenzenlosen Mitgefühls, in der das Mitgefühl selbst eine Form annimmt.

Avalokiteshvara hatte das Gelübde abgelegt, nicht eher ins Nirvana einzugehen, bis er jedes fühlende Wesen aus dem Kreislauf der Leiden befreit habe. Über Äonen hinweg arbeitete er unermüdlich. Er führte unzählige Wesen zur Befreiung, leerte ganze Bereiche der Existenz. Schließlich, so schien es ihm, war seine Aufgabe nahezu erfüllt.

Doch als er vom Gipfel des Berges Potalaka herabblickte auf die sechs Bereiche der Existenz, sah er: Der Ozean des Leidens war unverändert. Sobald er einen Bereich geleert hatte, füllte er sich sofort wieder durch die Unwissenheit und Gier der Wesen. Für jedes befreite Wesen stürzten unzählige neue ins Leiden. Die Unendlichkeit dieser Aufgabe überwältigte selbst ihn.

In einem Moment tiefsten Mitgefühls zweifelte er daran, ob er sein Gelübde jemals erfüllen könne. Aus jedem seiner Augen fiel eine Träne. Wo sie die Erde berührten, bildete sich ein See. Aus diesem See wuchs augenblicklich eine Lotusblüte, die sich öffnete. In ihrer Mitte saß eine junge Frau von strahlender Schönheit.

Sie sah das Leid Avalokiteshvaras und sprach zu ihm:

„Weine nicht, Edler. Ich bin aus deiner Träne des Mitgefühls entstanden. Ich werde an deiner Seite stehen und dir helfen. Ich werde in unzähligen Formen erscheinen, um die Wesen zu leiten und zu schützen, bis Samsara leer ist.“

Aus der Träne des linken Auges war die Weiße Tara entstanden, die Verkörperung des heilenden Mitgefühls. Aus der Träne des rechten Auges entstand die Grüne Tara, die Verkörperung des aktiven Schutzes.

Die Prinzessin Weisheitsmond

Die zweite Erzählung führt uns auf die Manifestations-Ebene, in ein vergangenes Weltalter namens „Vielfarbiges Licht“.

Dort lebte die Prinzessin Yeshe Dawa (Weisheitsmond), eine Tochter aus königlichem Hause, die dem Dharma gewidmet war. Über unermesslich lange Zeiträume diente sie dem Buddha Dundubhisvara (Trommelklang) und seiner Sangha.

Eines Tages rieten ihr die Mönche, sie solle Verdienste ansammeln, um im nächsten Leben als Mann wiedergeboren zu werden. Nur so, sagten sie, könne sie schneller zur Erleuchtung gelangen. Die Prinzessin lehnte ab. Ihre Antwort war ein Gelübde, das bis heute nachwirkt:

„Hier gibt es keine ‚Männer‘ und keine ‚Frauen‘, kein ‚Selbst‘, keine ‚Person‘ und kein ‚Bewusstsein‘.
Diese Bezeichnungen sind bedeutungslos, sie täuschen die gewöhnlichen Wesen.
Weil das Denken der Menschen schwach und irregeführt ist, streben viele danach, als Männer zu wirken. Deshalb werde ich, bis Samsara leer ist, nur in weiblicher Form zum Wohl der Wesen wirken.“

Die Prinzessin hielt ihr Wort. Von diesem Moment an meditierte sie unablässig. Jeden Morgen und jeden Abend führte sie Millionen von Wesen zur Befreiung. Sie befreite so schnell, dass die Buddhas ihr den Namen „Tara“ gaben, die „Befreierin“, abgeleitet von der Wurzel tar, die sowohl „überqueren“ als auch „retten“ bedeutet.

Sind dies zwei verschiedene Wesen? Nein. Die Träne des Avalokiteshvara beschreibt das Prinzip: Tara als spontane Manifestation des erleuchteten Mitgefühls, die existiert, solange es Leiden gibt. Die Prinzessin Yeshe Dawa beschreibt die Manifestation: Tara als bewusste Entscheidung, als Gelübde, als historisches Vorbild für alle, die den Pfad gehen.

Beide Erzählungen sind wahr. Sie zeigen dieselbe Wirklichkeit aus verschiedenen Blickwinkeln.

Doch wo begegnet uns diese Kraft in der überlieferten Geschichte des Dharma? Die Antwort führt uns in die entscheidende Nacht unter dem Bodhi-Baum

Die Nacht unter dem Bodhi-Baum

Buddha Shakyamuni, westliches Tibet, 11. Jh.

Die Geschichte Taras endet nicht in mythischer Vergangenheit. Sie ist Teil jener Nacht, in der Siddhartha Gautama zum Buddha wurde: die Nacht unter dem Bodhi-Baum in Bodh Gaya, in der er das vollkommene Erwachen erlangte.

Die exoterischen Überlieferungen erzählen diese Nacht als einsamen Kampf. Mara, der Herrscher über das Reich der Begierde, sendet seine Armeen, um den Suchenden mit Furcht und Versuchung zu überwältigen. Siddhartha bleibt unbewegt. Als Mara seinen Anspruch auf den Thron unter dem Baum erhebt, berührt Siddhartha die Erde, die Erdgöttin erhebt sich und bezeugt seine Verdienste aus zahllosen Vorleben. Mara zieht sich zurück, der Buddha erwacht.

Die tantrischen Überlieferungen fügen dieser Geschichte eine weitere Dimension hinzu: In jenem Moment, als Maras Angriff seinen Höhepunkt erreichte, erschien nicht nur die Erdgöttin. Tara selbst manifestierte sich als spontane Antwort des erleuchteten Mitgefühls. Sie war die Kraft der Weisheit, die Siddhartha aus der Tiefe seines eigenen Geistes projizierte, um die Projektionen Maras zu durchschneiden.

Das Lachen, das die Illusion zerreißt

Um Mitternacht, so berichten die Texte, erreichte Maras Angriff seine größte Intensität. Die acht großen Ängste, jene inneren Löwen, Feuer und Schlangen, die als Stolz, Zorn und Neid durch den Geist toben, wurden als furchteinflößende Erscheinungen projiziert: wilde Elefanten, tosende Flammen, giftige Schlangen, bewaffnete Räuber.

Tara antwortete mit acht großen Lachern. Diese waren keine Heiterkeit, sondern Durchschauung. Der Klang der Weisheit, die die Substanzlosigkeit der Projektionen erkennt.

Die Überlieferungen beschreiben diese Lacher als vier Klangpaare, die durch die Nacht hallten:

  • HA HA: ein donnerndes Lachen, das den Stolz erschüttert und die Arroganz des Ego zum Einsturz bringt
  • HI HI: ein freudvolles Lachen, das die Hitze des Zorns in die Kühle der Weisheit verwandelt
  • HE HE: ein spielerisches Lachen, das den Neid in seiner Lächerlichkeit entlarvt
  • HO HO: ein überwältigendes Lachen, das die fundamentale Unwissenheit unterwirft

Dieses Lachen war kein Spott, sondern Befreiung. Es zeigte: Die Dämonen hatten keine eigene Substanz. Sie waren Projektionen des Geistes, die im Licht der Erkenntnis zerfielen wie Nebel in der Morgensonne.

Von dieser Nacht erzählt bis heute der 10. Vers der Lobpreisungen, gewidmet der „Freudigen Bezwingerin“:

„Dein Lachen bedeckt ganz Samsara weit,
Dein TU TA RE mächtig in Licht und Kraft bereit.“

Durch dieses Lachen schuf Tara den Raum, in dem Siddhartha bei Morgengrauen das vollkommene Erwachen erlangen konnte. Sie hatte die illusionären Barrieren niedergerissen, die zwischen dem Suchenden und seiner eigenen Buddha-Natur standen.

Von Potalaka in die Welt

Die erste Lehre

Unmittelbar nach seiner Erleuchtung unter dem Bodhi-Baum verkündete Buddha Shakyamuni das Tara-Tantra. Noch bevor er die erste Lehrrede in Sarnath hielt.

Diese Verkündung geschah nicht in der gewöhnlichen Welt. Sie fand auf dem Berg Potalaka statt, dem Aufenthaltsort des Avalokiteshvara. Potalaka ist kein physischer Ort, sondern eine reine Sphäre, eine Dimension jenseits der gewöhnlichen Wahrnehmung, in der Buddhas den fortgeschrittenen Bodhisattvas die geheimen Lehren offenbaren. Die Lehre richtete sich an eine Versammlung von Bodhisattvas, Devas und Nagas, die Zeugen seines Erwachens waren.

Dort lehrte der Buddha die vollständigen Instruktionen des Tara-Tantras: Mandalas, Visualisierungen, geheime Mantras, Rituale.

Die Übertragung

Ein Mahasiddha, Tibet, 18. Jh.

Wie gelangte diese Lehre aus einer reinen Sphäre in die Welt der gewöhnlichen Menschen?

Spirituelle Meister brachten sie. Man nennt sie Mahasiddhas, „die großen Vollendeten“. Diese indischen Meister hatten tiefe spirituelle Verwirklichung erlangt.

In tiefer Meditation erreichten sie Potalaka. Durch visionäre Erlebnisse und Samadhi-Zustände empfingen sie die Lehren und übersetzten sie in Anleitungen, die auch gewöhnliche Menschen praktizieren konnten. Die Weitergabe erfolgte zunächst mündlich, von Meister zu Schüler. Später wurde das Tantra aufgeschrieben und bewahrt.

Was genau aufgeschrieben wurde, welche Meister es nach Tibet und China brachten und wie die verschiedenen Traditionen daraus entstanden, zeigt die Geschichte der Übertragungslinien.

Weiterlesen: Die Übertragungslinien des Tara-Tantras ➔

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner