Kultivierung geschieht nicht in erster Linie auf dem Meditationskissen. S.H. Dorje Chang Buddha III beschreibt sie als Arbeit im täglichen Umgang mit anderen, mit dem eigenen Ärger, mit den eigenen Gewohnheiten. Zwei Lehrreden geben dafür konkrete Hinweise: Lernen von Buddha gibt u. a. die Methode der täglichen Prüfung, Was ist Kultivierung? die Inhalte, an denen geprüft wird.
Die Methode: Die drei täglichen Selbstprüfungen
In Lernen von Buddha gibt S.H. Dorje Chang Buddha III eine so einfache wie tiefgreifende Anweisung für den Alltag:
Morgens: Setze die Absicht. Nimm dir vor, heute anderen zu nützen, keinen Schaden anzurichten und aus reinem Mitgefühl zu handeln.
Mittags: Überprüfe. Halte inne und frage dich aufrichtig, ob du bisher entsprechend deiner morgendlichen Absicht gehandelt hast.
Abends: Überprüfe noch einmal. Entsprechen die Handlungen, Worte und Gedanken des gesamten Tages dem Verhalten eines Bodhisattvas?
S.H. Dorje Chang Buddha III macht deutlich, wie weit diese konsequente Prüfung trägt. Wer sie aufrichtig und täglich durchführt, ist nach Seinen Worten bereits ein Bodhisattva im Ursachenstadium. Was dann noch entwickelt werden muss, sind die besonderen Verwirklichungskräfte, die durch weitere formelle Dharma-Praxis entstehen.
Damit diese Selbstprüfung jedoch nicht an der Oberfläche bleibt, braucht sie einen konkreten Gegenstand.
Der Inhalt: Woran genau wird geprüft?
Was bedeutet es im Alltag konkret, wie ein Bodhisattva zu handeln? In Was ist Kultivierung? beschreibt S.H. Dorje Chang Buddha III zwei Sets von je sieben Zweigen des Bodhicitta-Dharma. Diese vierzehn Zweige bilden den Maßstab für die tägliche Prüfung.
Das erste Set betrifft die innere Haltung: Alle Lebewesen als meine Mutter.
Diese sieben Praxisformen reichen vom Erkennen, dass alle Lebewesen in der endlosen Wiedergeburt tief miteinander verbunden sind, über tief empfundene Dankbarkeit, Güte und Mitgefühl bis hin zum Loslassen von Gier und jeglicher Anhaftung.
Das zweite Set betrifft das äußere Handeln: Bodhisattva-Korrespondenz.
Diese sieben Praxisformen reichen von der Erkenntnis der Gleichwertigkeit von Selbst und anderen über das Austauschen von Leid und Glück, das Zurücktreten zugunsten anderer und die aufrichtige Verdienstwidmung bis hin zum furchtlosen Schutz des Dharma.
Die vollständigen Erläuterungen und Praxisanweisungen zu allen vierzehn Zweigen sind in der Dharma-Lehrrede detailliert dargelegt.
Das Ziel: Wahre Kultivierung
Wer beginnt, sich nach diesen vierzehn Zweigen zu prüfen und zu korrigieren, wird schnell feststellen, wie anstrengend es ist, eigene Gewohnheiten zu überwinden. S.H. Dorje Chang Buddha III nennt diese Phase die „grobe Kultivierung“. Man setzt die Zweige mit größter Anstrengung um, doch die vollendete Kultivierung ist noch nicht erreicht, weil man noch immer am Selbst anhaftet.
Das ermutigende Zielbild dieser täglichen Praxis ist die „wahre Kultivierung“. Der Übergang dorthin ist kein Resultat von noch mehr Anstrengung oder Zwang. Er geschieht durch Loslassen. Wer das Anhaften am Selbst loslässt, tritt nach den Worten von S.H. Dorje Chang Buddha III unmittelbar in die wahre Kultivierung ein. Das rechte Verhalten muss nicht mehr erzwungen werden, sondern entsteht ganz natürlich.
Zum Studium
Die vollständige Anweisung zur täglichen Prüfung und ihr Zusammenhang mit dem gesamten Praxisweg stehen in der Dharma-Lehrrede Lernen von Buddha. Die ausführliche Darstellung der vierzehn Zweige findet sich in Was ist Kultivierung?. Beide Texte stehen auf unserer Website zur Verfügung.
Um sicherzustellen, dass man auf diesem Weg der täglichen Prüfung nicht unbemerkt in falsche Haltungen abgleitet, braucht es einen klaren Maßstab. Dieses unverzichtbare Korrektiv bietet die nächste Seite.
