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Blick auf das Kloster Taktsang an der Felswand, aufgenommen vom Aussichtspunkt der Cafeteria auf halber Höhe des Weges.
Das Ziel des Aufstiegs vor Augen: Das Kloster Taktsang thront hoch oben in der steilen Felswand

Auf einer Pilgerreise zu heiligen Orten folgt man selten nur einem starren Reiseplan. Vielmehr lässt man sich auf einen Fluss von Ereignissen ein. Unsere letzten Tage in Bhutan erinnerten uns daran, wie wertvoll es ist, Erwartungen loszulassen. Wir durften erfahren, dass sich oft genau dann die besonderen Türen öffnen, wenn man bereit ist, den ursprünglichen Weg zu verlassen.

Planänderung in Punakha: Vertrauen in den Fluss der Dinge

Der sechste Tag zeigte uns das sehr deutlich. Eigentlich hatten wir einen festen Plan: Wir wollten von Punakha zurück nach Paro fahren. Dort hatten wir 3.000 Butterlampen gespendet, die wir in einem Tempel feierlich anzünden wollten.

Doch dann erreichte uns kurzfristig die Nachricht, dass eine Audienz bei Seiner Heiligkeit dem Je Khenpo, dem höchsten religiösen Oberhaupt des Landes, möglich wäre. Eine solche Gelegenheit ist ein großer Segen. Allerdings gab es eine Einschränkung: Unsere gesamte Reisegruppe war für diese spontane Audienz schlicht zu groß.

So mussten wir uns in Punakha aufteilen. Ein Teil der Gruppe fuhr direkt weiter nach Paro, während der andere Teil nach Thimphu fuhr, wo sich Seine Heiligkeit der Je Khenpo gerade aufhielt. Ich reiste mit dieser Gruppe.

Malerischer Panoramablick über das grüne Thimphu-Tal, wobei die markante Buddha Dordenma Statue klein im Hintergrund auf dem Berg thront.
Blick auf Thimphu mit der Buddha Dordenma Statue im Hintergrund

Thangton Dewachen Nonnenkloster: Erbe des Eisenbrücken-Mönchs

In Thimphu angekommen, hatten wir vor dem Termin noch etwas Zeit. Wir besuchten das Thangton Dewachen Duthop Nonnenkloster. Es ist das einzige seiner Art in der Hauptstadt und geht auf den legendären Thangtong Gyalpo zurück. Er war eine faszinierende Persönlichkeit: Ein großer Mahasiddha und gleichzeitig ein genialer Ingenieur, der im 15. Jahrhundert lebte. Berühmt ist er als der „Eisenbrücken-Mönch“, da er Dutzende von Hängebrücken aus Eisenketten im gesamten Himalaya errichtete, um Pilgern und Reisenden die Überquerung reißender Flüsse zu ermöglichen. Viele seiner Konstruktionen hielten Jahrhunderte stand. Wir wurden an diesem Ort sehr herzlich empfangen: Im Innenhof des Klosters servierte man uns Tee, und wir konnten einen Moment die friedliche Atmosphäre genießen, bevor wir aufbrechen mussten.

Gongjue Tuji in traditioneller Robe steht im sonnigen Innenhof des Thangton Dewachen Nonnenklosters neben einer hohen Dharma-Säule, während ein Hund davor friedlich schläft.
Zu Besuch im Thangton Dewachen Duthop Nonnenkloster

Kalachakra-Initiation: Begegnung mit S.H. dem Je Khenpo

Nach dem Mittagessen machten wir uns auf den Weg zum Stadion. Dort leitete S.H. der Je Khenpo gerade den Abschluss der Kalachakra-Initiation. Der Andrang war gewaltig. Das Stadion selbst war bis auf den letzten Platz gefüllt, doch das reichte bei Weitem nicht aus. Auch auf dem Gelände davor hatten sich unzählige Menschen versammelt, um an dem Ereignis teilzuhaben. Es war ein sehr eindrucksvolles Bild. Die Zeremonie wurde zudem live im bhutanischen Fernsehen übertragen. Wir mussten vor den Toren zunächst noch warten, bis wir ins Stadion durften.

Nach einiger Zeit konnten wir hineingehen und wurden in einen separaten Wartebereich im Inneren des Stadions geführt. In dieser Zeit kam es zu einer zufälligen, aber wunderbaren Begegnung. Wir trafen den jungen Vairochana Rinpoche (Ngawang Jigme Jigten Wangchuk). Er ist ein hochverehrter Tulku und der Sohn von Ihrer Königlichen Hoheit Prinzessin Sonam Dechan Wangchuk. Er wird als die Reinkarnation des großen Übersetzers Vairochana aus dem 8. Jahrhundert verehrt, einem der wichtigsten Schüler von Guru Padmasambhava.

Im Anschluss wurde uns eine Audienz bei S.H. dem Je Khenpo gewährt. Voller Dankbarkeit überreichten wir ihm die Khata (den weißen Schal) als Zeichen unseres tiefen Respekts. In diesem besonderen Rahmen bot sich uns zudem die Gelegenheit, Seiner Heiligkeit Informationen über das Projekt „Holy Heavenly Lake Buddhist Town“ zu überreichen. Jeder von uns empfing daraufhin seinen persönlichen Segen, und zum Abschied überreichte er uns eine Textausgabe der Amitabha-Sadhana für unsere eigene Praxis.

Gruppenfoto der buddhistischen Reisegruppe nach der besonderen Audienz bei S.H. dem Je Khenpo im Stadion von Thimphu im Anschluss an die Kalachakra-Initiation.
Unsere Gruppe nach der Audienz bei S.H. dem Je Khenpo

Nach der Begegnung mit dem Je Khenpo wurde uns völlig unerwartet eine weitere große Ehre in Aussicht gestellt: Eigentlich hätten wir im Anschluss auch dem jungen Vairochana Rinpoche und der Königinmutter bei einer offiziellen Audienz begegnen dürfen. Doch als die Kalachakra-Initiation endete, strömten Tausende Menschen gleichzeitig aus dem Stadion. Der Verkehr in Thimphu kam vollständig zum Erliegen. Es gab kein Durchkommen mehr, und wir konnten den vereinbarten Ort nicht rechtzeitig erreichen. So sind die karmischen Bedingungen manchmal. Doch wir haderten nicht: Nach all dem, was wir an diesem Tag erlebt hatten und dem Segen, den wir empfangen durften, fühlten wir uns reich beschenkt.

Tiger’s Nest: Aufstieg zu Guru Rinpoches Höhle

Am letzten Tag unserer Reise, dem 15. November, stand das wohl berühmteste Wahrzeichen Bhutans auf dem Programm: Paro Taktsang, das weithin als „Tiger’s Nest“ bekannt ist. Es ist nicht nur architektonisch zutiefst beeindruckend, sondern einer der heiligsten Orte im gesamten Himalaya.

Das berühmte Tigernest-Kloster (Paro Taktsang), das spektakulär an einer steilen Felswand im Paro-Tal in Bhutan klebt, vor einer blauen Bergkulisse.
Kloster Paro Taktsang (Tiger’s Nest)

Wir brachen sehr früh auf, um zum Basecamp, dem Parkplatz auf 2.300 Metern zu gelangen. Von dort aus sind es etwa 800 Höhenmeter bis zum Kloster, das auf 3.120 Metern liegt. Für Besucher, die sich den steilen Anstieg nicht ganz zutrauen, gibt es grundsätzlich die Möglichkeit, sich für den ersten Teil der Strecke von einem Pferd oder Maultier tragen zu lassen. Unsere Gruppe entschied sich jedoch, den gesamten Weg aus eigener Kraft zu Fuß zu bewältigen.

Der Aufstieg dauerte knapp drei Stunden. Der Pfad ist wunderschön, aber auch fordernd. Er führt durch einen dichten Kiefernwald, in dem Rhododendren wachsen und die Bäume mit Moos behangen sind. Immer wieder flattern Gebetsfahnen im Wind. Auf halber Strecke machten wir kurz Rast an einem Café. Von dort hat man bereits einen ersten, atemberaubenden Blick auf das Kloster, das förmlich am steilen Felsen klebt.

Impressionen (der Reihe nach): Rastende Pferde am Startpunkt, wehende Gebetsfahnen vor dem Bergpanorama, Lasttiere auf dem staubigen Pfad, der erste Fernblick auf das Felsenkloster, der moosbedeckte Bergwald und Tsa-Tsa Opfergaben in einer Felsnische.

Die Geschichte dieses Ortes ist eng mit Guru Rinpoche verbunden, dem großen Meister Padmasambhava. Er wird von den Bhutanern als der „Zweite Buddha“ verehrt, da er im 8. Jahrhundert den tantrischen Buddhismus, das Vajrayana, nach Bhutan brachte und fest etablierte. Er manifestierte seine übernatürlichen Kräfte und flog auf dem Rücken einer Tigerin genau hierher, um einen Dämon zu unterwerfen. Manche sagen, bei der Tigerin habe es sich um seine tantrische Gefährtin Yeshe Tsogyal in verwandelter Gestalt gehandelt. In der als Taktsang Senge Samdup bekannten Höhle, um die herum später das Kloster errichtet wurde, meditierte er anschließend für exakt drei Jahre, drei Monate, drei Wochen und drei Tage.

Oben angekommen, mussten wir am Eingang unsere Kameras und Taschen abgeben, da das Fotografieren im Inneren streng verboten ist. Wir besuchten mehrere kleine Tempel innerhalb des Komplexes. In einem speziellen Raum, der rund um die Uhr bewacht wird, zündete ich eine Butterlampe an. Dies ist der einzige Ort im Kloster, an dem offenes Feuer noch erlaubt ist, nachdem ein verheerender Brand in der Vergangenheit große Teile der Anlage zerstört hatte. Im Buddhismus ist das Entzünden dieser Lampen ein verdienstvolles zentrales Ritual.

Gongjue Tuji und die Ehrwürdige Meisterin Shi Zheng Da stehen gemeinsam mit Dharma-Geschwistern vor dem heiligen Wasserfall am Eingang zum Paro Taktsang (Tigernest).
Mit der Ehrwürdigen Meisterin Shi Zheng Da vor dem Taktsang-Wasserfall

Abschied in Paro: Ein Versprechen zur Rückkehr

Wieder zurück im Hotel in Paro, erwartete uns am Abend ein besonderer Gast: Dasho Passang Dorji, der ehemalige Sprecher der Nationalversammlung Bhutans. Er war maßgeblich an der Organisation der offiziellen Termine beteiligt gewesen und kam persönlich vorbei, um sich noch einmal höflich zu entschuldigen, dass das Treffen mit dem König aufgrund des Trubels nicht zustande gekommen war. Er versprach uns: „Nächstes Mal werde ich es arrangieren, dieses Mal waren der König und die Königin zu beschäftigt.“

Feierlicher Austausch von Geschenken zwischen der Ehrwürdigen Meisterin Shi Zheng Da und Dasho Passang Dorji in der Hotel-Lobby zum Abschluss der Reise.
Austausch von Geschenken mit Dasho Passang Dorji

In einer sehr freundschaftlichen Atmosphäre fand ein Austausch von Geschenken statt. Die Ehrwürdige Meisterin Shi Zheng Da überreichte ihm ein besonderes Kunstobjekt, ein leuchtendes dreidimensionales Bild einer Yun-Skulptur die von S.H. Dorje Chang Buddha III gestaltet wurde. Im Gegenzug schenkte er der Meisterin eine große goldene Shakyamuni Buddha Statue. Es war ein würdiger Moment der Verbundenheit.

Szenen der Aufführung (der Reihe nach): Der berühmte Drametse Ngacham (Trommeltanz), ein sich tief verbeugender Solo-Tänzer, die Darsteller der Yak-Inszenierung, die humorvolle Interaktion des Yaks mit dem Publikum, die Frauentanzgruppe in roten Gewändern und zum Abschluss eine traditionelle Darbietung mit Pfeil und Bogen, die Gesang und Tanz vereinte.

Anschließend sahen wir uns gemeinsam mit Dasho Passang Dorji eine kulturelle Vorführung an. Es gab traditionelle Tänze und Gesänge, deren sanfte, fließende Bewegungen eine große Ruhe und Friedlichkeit ausstrahlten. Es gab auch humorvolle Einlagen, wie den Tanz eines Yaks, bei dem die Darsteller sichtlich Spaß hatten. Auch wenn ich die Sprache nicht verstand, war die Freude ansteckend. Nach dieser Vorstellung versammelten wir uns alle noch für ein großes Gruppenfoto, um diesen schönen Abschlussabend festzuhalten.

Großes Abschiedsgruppenfoto der gesamten Reisegruppe gemeinsam mit Dasho Passang Dorji und den bhutanischen Guides auf den beleuchteten Stufen des Hotels.
Unsere gesamte Gruppe mit Dasho Passang Dorji und unseren Guides

Am nächsten Morgen, dem 16. November, hieß es Abschied nehmen. Vom Hotel aus konnten wir direkt auf den Flughafen blicken. Wir waren angereist, um mit unserer Spende und unseren Plänen einen Beitrag zu leisten. Doch als ich nun in den Flieger stieg, hatte ich das Gefühl, dass wir selbst weit mehr mitnahmen, als wir gegeben hatten. Ich nahm nicht nur Erinnerungen an die gewaltigen Berge und ehrwürdigen Klöster mit, sondern das Gefühl einer tiefen Verbundenheit mit unserer Reisegruppe und den Menschen in Bhutan. Ich kehre mit viel Inspiration und einem Herzen voller Dankbarkeit für den Segen zurück, den ich in diesem Land erfahren durfte.

Alle Beiträge zu unserer Bhutan-Reise:

Pilgerreise nach Bhutan (Teil 1): Ankunft im Land des Donnerdrachens
Pilgerreise nach Bhutan (Teil 2): Über den Dochu La in das Tal der Kraniche
Pilgerreise nach Bhutan (Teil 3): Audienz beim Je Khenpo und der Weg zum Tigernest

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