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Die 108 Druk Wangyal Chortens auf der Passhöhe des Dochu La, angeordnet auf einem kleinen Hügel vor dem Hintergrund des Himmels.
Der höchste Punkt der Etappe: Die Passhöhe Dochu La auf 3.100 Metern

Mit vielen Eindrücken aus Thimphu und einem Gefühl der Dankbarkeit setzten wir unsere Pilgerreise fort. Bevor wir die geschäftige Hauptstadt jedoch endgültig hinter uns ließen, um tiefer in die Berge zu fahren, verbrachten wir noch einen weiteren Tag in ihrer Umgebung. Bhutan zeichnet sich schließlich nicht nur durch seine heiligen Tempel und den tief verwurzelten Buddhismus aus. Auch die Landschaft selbst hat eine enorme Kraft. Wir freuten uns darauf, zu Orten zu reisen, an denen die Geschichte des Landes und die gewaltige Natur eine ganz besondere Einheit bilden.

Semtokha Dzong: Der Palast der geheimen Mantras

Unser Weg führte uns am dritten Tag zunächst etwa sechs Kilometer südlich von Thimphu zum Semtokha Dzong. Dieser Ort trägt auch den bedeutungsvollen Namen „Sangak Zabdhon Phodrang“, was übersetzt „Palast der tiefgründigen Bedeutung geheimer Mantras“ heißt.

Die massiven weißen Mauern und die typische bhutanische Festungsarchitektur des Semthoka Dzong unter strahlend blauem Himmel.
Semtokha Dzong

Historisch gesehen ist das ein Meilenstein: Der Dzong wurde zwischen 1629 und 1632 von Shabdrung Ngawang Namgyal erbaut, dem legendären Einiger Bhutans. Er führte hier etwas völlig Neues ein, nämlich die Kombination aus Kloster und Verwaltungszentrum unter einem Dach. Dieses innovative Konzept funktionierte so gut, dass es später zum Vorbild für alle anderen großen Festungen im Land wurde, wie etwa in Paro oder Punakha. Diese historische Bedeutung mischte sich an unserem Besuchstag mit einer ganz gegenwärtigen Freude. Da das gesamte Land den Geburtstag des vierten Königs ehrte, war überall eine besonders feierliche Stimmung zu spüren.

Doch noch etwas anderes hat sich mir tief eingeprägt. In den Tempelräumen lag der markante Duft von Butterlampen in der Luft. Es ist ein ganz eigener Geruch, der uns auch an den anderen Orten immer wieder begegnen sollte und der für mich nun untrennbar mit der Atmosphäre dieser heiligen Stätten verbunden ist.

Impressionen (der Reihe nach): Blick in den Innenhof, der prachtvolle Eingangsbereich, Wasserschalen als Opfergabe, der Gang mit den Gebetsmühlen, ich im Inneren und unsere Gruppe auf der Eingangstreppe.

Reservat des Takin: Die Schöpfung des Drukpa Kunley

Bhutan ist tief verwurzelt in seinen spirituellen Traditionen, in denen sich die Kraft des Dharma auch in der Natur offenbart. Wir besuchten das königliche Reservat für das Nationaltier: den Takin. Es ist ein faszinierendes Wesen, dessen Erscheinung an eine Verbindung aus Kuh und Ziege erinnert und das im Himalaya einzigartig ist.

Seine Existenz geht direkt auf das wundersame Wirken von Drukpa Kunley zurück, den man auch den „Göttlich Verrückten“ oder „Divine Madman“ nennt. Im 15. Jahrhundert forderten die Menschen ihn auf, ein Wunder zu vollbringen, um seine Verwirklichung zu beweisen. Er ließ sich eine Kuh und eine Ziege servieren. Nachdem er beide verspeist hatte, setzte er den Kopf der Ziege auf das Skelett der Kuh. Mit seinen übernatürlichen Kräften erweckte er das neue Wesen zum Leben. Diese Begebenheit ist ein kraftvolles Zeugnis für die unkonventionellen Lehrmethoden des Meisters und seine Fähigkeit, jenseits gewöhnlicher Vorstellungen zu wirken.

Impressionen (der Reihe nach): Das weitläufige Waldgelände des Reservats, ein ruhender Takin im Schatten und ein Tier am Bachlauf.

Passhöhe Dochu La: Gedenken an 108 Chorten

Am vierten Tag verließen wir die Hauptstadt in Richtung Punakha. Der Weg führte uns über den Dochu La, einen Pass auf etwa 3100 Meter Höhe. Obwohl ein paar Wolken die Sicht auf die ganz großen Eisriesen des Himalaya verdeckten, rissen immer wieder Lücken auf, durch die wir die schneebedeckten Gipfel sehen konnten.

Die 108 Druk Wangyal Chorten auf dem Dochula-Pass vor einer dichten Wolkenkulisse, die den Panoramablick auf das Himalaya-Gebirge an diesem Tag teilweise verdeckt.
Die 108 Druk Wangyal Chortens vor der Kulisse des Himalaya

Oben auf dem Pass stehen die 108 Druk Wangyal Chortens. Sie sind ein wichtiger Ort des Gedenkens. Errichtet wurden sie nicht, um einen militärischen Sieg im Jahr 2003 zu feiern, sondern um an die Gefallenen zu erinnern. Es ist bezeichnend für die Kultur hier, dass man nicht den Triumph in den Vordergrund stellt, sondern das Mitgefühl und das Gedenken.

Chimi Lhakhang: Das Erbe von Drukpa Kunley

Im Distrikt Punakha ist das Erbe des „Göttlich Verrückten“ Drukpa Kunley allgegenwärtig. Schon in den umliegenden Dörfern fielen uns die vielen Häuser auf, die mit Phallus-Symbolen bemalt sind. Was für fremde Augen zunächst ungewohnt wirkt, gilt hier als mächtiges Schutzsymbol.

Weiter Panoramablick über die grünen Reisterrassen und Hügel des Punakha-Tals in Bhutan, markiert durch eine hohe Gebetsfahne im Vordergrund.
Blick ins Punakha-Tal

Unser nächstes Ziel war der Chimi Lhakhang. Der Weg dorthin führt sehr malerisch mitten durch grüne Reisfelder. Der Tempel selbst steht genau an der Stelle, an der der große Meister Drukpa Kunley seine Kraft manifestierte, um einen Dämon zu unterwerfen, der die Form eines Hundes angenommen hatte. Dies vollbrachte er mit seinem „flammenden Donnerkeil der Weisheit“. Das erklärt auch die Bemalungen an den Häusern, denn sie stellen diesen siegreichen Donnerkeil dar. An dem Platz, wo der Dämon unterworfen wurde, steht heute noch eine kleine schwarze Stupa. Zudem erkennt man Statuen des Meisters oft daran, dass ein Hund zu seinen Füßen liegt. Heute ist der Ort vor allem als Tempel der Fruchtbarkeit bekannt, zu dem Paare aus der ganzen Welt pilgern. Wir nutzten die friedliche Stimmung dort, um unter einem großen Bodhi-Baum vor dem Tempel gemeinsam zu chanten.

Impressions (in order): The Chimi Lhakhang Temple with the black Stupa, a sleeping temple cat, young monks practicing Dharma instruments, and our group chanting together under the large Bodhi tree.

Punakha Dzong: Palast der großen Glückseligkeit

Danach ging es weiter zum Punakha Dzong. Er liegt sehr malerisch genau dort, wo der Pho Chhu (Vater-Fluss) und der Mo Chhu (Mutter-Fluss) zusammenfließen. Sein voller Name lautet Pungtang Dechen Photrang Dzong, was übersetzt „Palast der großen Glückseligkeit“ bedeutet. Das Gebäude ist nicht nur riesig, sondern auch historisch von enormer Wichtigkeit. Er wurde bereits 1637 erbaut und bildete lange Zeit das Zentrum der damaligen Winterhauptstadt Punakha.

Auch heute noch zieht die Klostergemeinschaft in den kalten Monaten hierher um. Zudem ist es ein geschichtsträchtiger Ort für die Monarchie, denn hier wurde 1907 der erste König von Bhutan gekrönt. Im Inneren ruhen die sterblichen Überreste des Staatsgründers Shabdrung Ngawang Namgyal. Dieser Bereich ist jedoch streng geschützt. Nur der König und der Je Khenpo sowie zwei Wächterlamas dürfen den Raum mit den Reliquien betreten.

Impressionen (der Reihe nach): Gespräche vor weißen Gemäuern, Hähne auf dem kunstvollen Dachsims und der Zugang zum heiligen Tempelbereich (Machen Lhakhang), wo die Reliquien des Staatsgründers aufbewahrt werden.

Wangdue Phodrang: Wiederaufbau eines Wahrzeichens

Am Vormittag des nächsten Tages machten wir Halt am Wangdue Phodrang Dzong. Dieser Ort hat eine bewegende Geschichte. Gegründet wurde er 1638 von Shabdrung Ngawang Namgyal unter dem verheißungsvollen Namen „Palast der vier Himmelsrichtungen“. Er liegt strategisch auf einem Bergrücken, der an einen schlafenden Elefanten erinnert, und überblickt den Zusammenfluss zweier Flüsse.

Der imposante Wangdue Phodrang Dzong thront majestätisch auf einem Bergrücken vor grüner Landschaft, während Besucher die Eingangstreppe hinaufsteigen.
Wangdue Phodrang Dzong

Lange Zeit galt er als der einzige Dzong, der in seiner fast 400-jährigen Geschichte nie einem Feuer zum Opfer gefallen war. Doch am 24. Juni 2012 schlug das Schicksal zu: Ein technischer Defekt löste am frühen Morgen einen Brand aus, und angefacht durch starke Winde brannte die stolze Festung innerhalb weniger Stunden vollständig aus.

Doch was wir sahen, war kein Ort der Trauer, sondern der Hoffnung. Der Wiederaufbau, der 2014 begann, ist ein beeindruckendes Zeugnis bhutanischer Einigkeit, aber auch der tiefen Freundschaft zum Nachbarland Indien. Durch die enge Zusammenarbeit und großzügige Unterstützung aus Indien konnte dieses massive Projekt realisiert werden. Es zeigt auf wunderbare Weise, wie moderne Ingenieurskunst und grenzüberschreitende Verbundenheit genutzt werden, um traditionelle Kultur nicht nur zu bewahren, sondern sie buchstäblich aus der Asche neu erstehen zu lassen.

Impressionen (der Reihe nach): Kunstvolle Schnitzereien am Portal, farbenfrohe Wandmalereien der Schutzgottheiten, der weitläufige Innenhof, ein Mönch am Treppenaufgang und unser Gruppenfoto vor dem Dzong.

Fahrt durch die Black Mountains

Mit diesem Bild des Neuanfangs vor Augen setzten wir unsere Pilgerreise in Richtung Phobjikha-Tal fort. Die Fahrt war landschaftlich sehr eindrucksvoll. Unser Bus schraubte sich Kurve um Kurve die Black Mountains hinauf. Wir hatten dabei perfektes Wetter. Die Sonne schien und erlaubte uns eine klare Sicht, die mit jedem Höhenmeter weiter reichte. Die Straße schlängelte sich in engen Serpentinen an den teils steilen Berghängen entlang, bis wir den Pass überquerten und schließlich hinab in das Tal fuhren.

Phobjikha-Tal: Winterquartier der Schwarzhalskraniche

Das Phobjikha-Tal ist ein ganz besonderer Rückzugsort. Es dient als Winterquartier der seltenen Schwarzhalskraniche aus Tibet. Es gibt eine schöne Beobachtung dazu. Wenn die Vögel ankommen, umkreisen sie dreimal das dortige Kloster Gangtey. Und sie tun wohl dasselbe, wenn sie wieder abreisen. Selbst die Tiere scheinen hier eine Verbindung zum Dharma zu haben. Wir hatten Glück und einige von uns sahen die ersten Kraniche, die bereits angekommen waren.

Weitläufiger Panoramablick über die goldgelben Ebenen des Phobjikha-Tals in Bhutan, umrahmt von grünen Bergen und blauem Himmel.
Phobjikha-Tal

Unser Mittagessen wurde für uns auf offenem Feld direkt vor dem Khewang Lhakhang organisiert. Wir genossen es mit einem weiten Blick in das Tal. Anschließend besuchten wir den Tempel selbst. Im Inneren befinden sich noch die originalen Statuen, die mit ihren gut 500 Jahren so alt sind wie das Bauwerk selbst. Eine dieser Statuen ist besonders bekannt, denn von ihr wird gesagt, sie habe schon zweimal gesprochen.

Die Frontalansicht des historischen Khewang Lhakhang Tempels im Phobjikha-Tal mit traditionellen Fenstern und weißer Fassade auf einer Wiese.
Khewang Lhakhang

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Überlieferung, die mit diesem Ort verbunden ist: Ein Dämon hatte die Gestalt einer jungen Frau angenommen, um einen jungen Mann zu täuschen. Als der Mann starb, wollte der Dämon den Körper in den Tempel bringen. Doch die Buddha-Statue sprach und verwehrte ihm den Zutritt. Der Dämon musste weiterziehen und wurde schließlich von der echten Freundin des Verstorbenen besiegt. An dieser Stelle steht heute noch eine kleine Stupa. Solche Ereignisse sind hier nicht einfach nur Märchen, sie sind Teil der lebendigen spirituellen Landschaft.

Gangtey Goenpa: Spirituelles Zentrum der Nyingmapa

Den krönenden Abschluss dieses Tages bildete das Gangtey Goenpa. Es thront auf einem Bergrücken über dem Tal und ist weit mehr als nur ein schönes Gebäude. Es ist das größte und wichtigste Nyingmapa-Kloster im westlichen Zentralbhutan und gilt als das spirituelle Herzstück der gesamten Region.

Die Geschichte dieses Ortes reicht weit zurück und beginnt mit einer Vision. Der große „Schatzfinder“ (Terton) Pema Lingpa besuchte das Tal im späten 15. Jahrhundert. Er blickte auf den Bergrücken und prophezeite, dass einer seiner Nachkommen dort eines Tages ein Kloster errichten würde. Diese Weissagung erfüllte sich im Jahr 1613, als sein Enkel Rigdzin Pema Thinley das Kloster gründete.

Die imposante Frontalansicht des Haupttempels von Gangtey Goenpa mit prächtigen, handgeschnitzten Holzbalkonen und traditioneller bhutanischer Architektur.
Gangtey Goenpa

Architektonisch ist es faszinierend. Auf den ersten Blick wirkt es wie ein Dzong, also wie eine der mächtigen Festungen, die wir zuvor gesehen hatten. Doch wenn man genau hinsieht, bemerkt man einen entscheidenden Unterschied. Es fehlen die militärischen Elemente. Es gibt keine Pfeilscharten und keine Verteidigungswälle. Es wurde als reiner Ort des Friedens und der Praxis konzipiert. Besonders beeindruckt haben mich die aufwendigen Holzschnitzereien, die überall zu sehen sind und von der hohen Handwerkskunst zeugen.

Impressionen (der Reihe nach): Wandmalerei des Dharmapala Gyalpo Pehar im Eingangsbereich, der Blick hinauf zur kunstvollen Holzarchitektur und der sonnige Innenhof.

Heute ist das Kloster ein sehr lebendiger Ort und fungiert als Hauptsitz der Pema-Lingpa-Tradition sowie als Sitz der neunten Reinkarnation des Meisters. Etwa 140 Mönche leben hier. Zusammen mit dem nahegelegenen Shedra, dem buddhistischen College, sorgen sie dafür, dass die Lehre hier nicht nur bewahrt, sondern aktiv studiert und gelebt wird.

Ein besonderes Erlebnis hatte ich im Inneren des Tempels. Wir waren hineingegangen, um den Buddhas unseren Respekt zu erweisen und gemeinsam zu chanten. Kaum hatten wir die Halle betreten, fiel der Strom aus und es wurde schlagartig stockdunkel. Im Schein unserer Handys suchten wir uns einen Platz zum Sitzen. Etwa zehn Minuten lang chanteten wir in dieser Dunkelheit, die nur durch das leichte Flackern einiger Butterlampen erhellt wurde. Das erzeugte eine sehr eigene Stimmung. Plötzlich ging das Licht wieder an. Erst in diesem Moment sah ich, was sich direkt an der Wand mir gegenüber befand. Mein Blick fiel auf ein wunderschönes Wandgemälde der 21 Taras. Das war ein unerwarteter und tief bewegender Moment für mich.

Eigentlich hatten wir für unsere Rückkehr nach Thimphu und Paro eine ganz bestimmte Hoffnung im Herzen: Wir wollten versuchen, eine Audienz beim König zu bekommen. Doch wie so oft im Leben, verlaufen Pläne nicht immer geradlinig. Die karmischen Bedingungen hatten eine andere Begegnung für uns vorgesehen, die wir so nicht erwartet hatten.

Davon und von unserem Aufstieg zum berühmten Tigernest erzähle ich im dritten und letzten Teil.

Alle Beiträge zu unserer Bhutan-Reise:

Pilgerreise nach Bhutan (Teil 1): Ankunft im Land des Donnerdrachens
Pilgerreise nach Bhutan (Teil 2): Über den Dochu La in das Tal der Kraniche
Pilgerreise nach Bhutan (Teil 3): Audienz beim Je Khenpo und der Weg zum Tigernest

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